Störungen des Redeflusses - Stottern / Poltern

Was ist Stottern?

  • „Stottern bedeutet unfreiwillige Wiederholungen von Lauten und Silben (A-A-Apfel), Dehnungen von Lauten (Mmmmmama) und Blockierungen (—–apfel) vor oder in einem Wort.“ (Bloodstein, 2008) Diese Symptome werden Kernsymptome genannt.
  • Diagnostizierbar ist es, wenn mindestens 3% aller Silben gestottert sind. (Yairi & Ambrose, 2005) Diese Grenze spiegelt auch die Behandlungsbedürftigkeit des Stotterns wider.
  • Weitere Definition: Störung des normalen Sprechflusses und des zeitlichen Ablaufs des Sprechens, die in der Kindheit beginnend, meist über einen längeren Zeitraum hinweg andauert und durch ausgeprägtes Auftreten von mindestens einer der für Stottern typischen Unflüssigkeiten charakterisiert ist, (…) weiterhin durch häufig vorkommende oder ausgeprägte Ängste vor Sprechunflüssigkeiten und Vermeiden von Sprechsituationen (…). (Neumann et. al., 2006)

Manche Kinder entwickeln zusätzlich zu den “Kernsymptomen” Begleitsymptome, die sogar auffälliger als das eigentliche Stottern sein können. Diese Begleitsymptome entstehen dadurch, dass Dein Kind versucht sich irgendwie aus der unangenehmen Situation zu befreien oder diese bereits vorher fürchtet und sich Umwege sucht. Dazu zählen: 

  • Anstrengung (z.B. lauter werden, Mitbewegung des Kopfes oder der Arme, Grimassieren)
  • Vorbeugestrategien (Flüstern, Sprechen mit Singsang, Umformulieren oder Ersetzen von bestimmten Wörtern, Einschieben von “ähm” und anderen Füllwörtern)
  • Vermeidestrategien (Vermeidung von Sprechsituationen, Abbruch der Äußerung)

Stottern und Psyche

Es gibt Kinder, die auf das Stottern emotional reagieren: Sie sind verärgert über den Kontrollverlust beim Sprechen, ziehen sich zurück oder entwickeln ein Schamgefühl. Es ist auch möglich, dass sie unter dem Zeitverlust leiden, den das Stottern mit sich bringt oder darunter, dass sie anders sind als andere Kinder. Dabei kann durchaus die gesamte Familie betroffen sein, wenn die Eltern ratlos oder hilflos sind und sich viele Sorgen wegen des Stotterns machen.  

Auch wenn das Stottern eventuell nur ganz leicht ist, reagieren einige Kinder sehr sensibel. Auf der anderen Seite gibt es auch Kinder mit schwerem Stottern, die kaum einen Leidensdruck zu empfinden scheinen. 

Die Lebensqualität eines stotternden Kindes ist häufig unbeeinträchtigt. Die so genannten Unflüssigkeiten können situationsabhängig und phasenweise schwanken. Es ist gut möglich, dass Dein Kind während einer Untersuchung beim Kinderarzt flüssig spricht. Auch symptomfreie Phasen über einen längeren Zeitraum sind möglich. Von “Heilung” kann allerdings nur gesprochen werden, wenn Dein Kind über einen Zeitraum von 2 Jahren keine Stotterereignisse mehr gehabt hat, ohne irgendeine Technik einzusetzen.

Stottern in Zahlen

– Stottern beginnt mit durchschnittlich 33 Lebensmonaten (Yairi & Ambrose, 2013). Bei fast 60% aller betroffenen Kinder beginnt es zwischen dem 24. und dem 35. Lebensmonat, bis zum 48. Lebensmonat ist das Stottern bei 95% der betroffenen Kinder bereits aufgetreten.

– Eine Remission (Rückgang) erfolgt in 60 – 80% aller Fälle, d.h. die Chancen der „Heilung“ stehen ziemlich gut bei stotternden Kindern (meist über 75%). Dieses sieht man auch daran, dass nur noch 1% aller Erwachsenen stottern. Insbesondere, wenn das Stottern vor dem 3. Lebensjahr angefangen hat, ist die Prognose am besten. Das liegt daran, dass jüngere Kinder noch nicht ganz so schambehaftet auf ihr Stottern reagieren und sich dadurch nicht so schnell ein Vermeideverhalten entwickeln kann, was die Situation verschlechtert. Auch eine frühe Therapie kann einer frühen Rückbildung des Stotterns helfen. Vorsicht ist geboten, wenn es Stottern in der Familie gibt oder gegeben hat. Mittlerweile ist es erwiesen, dass die Veranlagung zum Stottern genetisch bedingt ist und 65% der Kinder mit diesem genetischen Aufbau tatsächlich anfangen zu stottern.

– Nur ca. 5% aller Kinder stottern im Verlauf ihrer Sprachentwicklung, es handelt sich also nicht um ein „normales“ Phänomen der Sprachentwicklung.

Ursachen

Wie oben bereits beschrieben, geht die Wissenschaft inzwischen davon aus, dass Stottern genetische Ursachen hat. Das heißt, es hat nichts mit Dir oder Deiner Erziehung zu tun!

Welche Ereignisse dazu führen können, dass ein Stotterereignis auftritt, erkläre ich Dir anhand der Grafik:

In der Mitte steht das neurologische Defizit, d.h. der erwähnte genetische Faktor. Den werde ich hier nicht weiter erläutern.

Der Trigger = der Auslöser, der ein Stottern verursachen könnte (Dein Kind möchte ganz aufgeregt etwas ganz Tolles erzählen, was heute passiert ist. Dabei fallen ihm so schnell vielleicht nicht die passenden Worte ein und es ist auch noch jede Menge Emotion dabei; d.h. die Situation ist komplex und muss besonders erzählt/betont werden)

Arousal = Aktivierung des Nervensystems; obige Situation als Beispiel: Es gibt körperliche Aufregung und es ist ein komplexer Sachverhalt, den Dein Kind schildern will

Modulierende Faktoren = darunter versteht man, dass es gewisse Faktoren gibt, die ein Stottern abmildern könnten, auch “Puffer” genannt. Diese beschreiben z.B. den Umgang Deines Kindes mit einem “aufkeimenden” Stottern und ob es negative oder positive Erfahrungen mit seiner Sprache gehabt hat. Je mehr modulierende Faktoren vorhanden sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Stottern nicht auftritt.

Stotterereignis = alle Faktoren zusammen bestimmen die Wahrscheinlichkeit, ob ein Stotterereignis auftritt oder ob flüssig weitergesprochen werden kann

Therapie - Ja oder Nein?

Nicht jedes stotternde Kind benötigt eine Therapie. Wichtige Indikatoren sind die Begleitsymptome, die Dein Kind hat und ob Du als Elternteil Dir sehr unsicher bist und Unterstützung benötigst. Wenn entweder Du oder Dein Kind in irgendeiner Form psychisch unter dem Stottern leidet, ist eine Therapie sofort nötig. 

Das “Watchful Waiting” wird dann empfohlen, wenn das Stottern erst vor Kurzem aufgetreten ist, alle einen lockeren Umgang damit haben und Dein Kind auch sonst keine sprachlichen Beeinträchtigungen zeigt, die logopädisch behandelt werden müssten. Sollte die Stottersymptomatik über 6 Monate andauern und/oder die Rate der gestotterten Wörter bei über 3% liegen, ist eine Therapie angebracht.