„Das verwächst sich“ – Der Mythos vom wachsenden Kind und schrumpfenden Sprachfehler

„Das verwächst sich“ – Der Mythos vom wachsenden Kind und schrumpfenden Sprachfehler

In diesem Beitrag geht es um das Thema “Abwarten in der Sprachtherapie”. Den Satz “Das verwächst sich” bekommen viele Eltern zu hören. Ich möchte hier einmal diskutieren, ob das Abwarten wirklich des Rätsels Lösung ist. Oder ist es doch sinnvoll sich mit dem Thema Sprachtherapie auseinander zu setzen?

Die meiste Zeit spreche ich davon, dass Du Dir Dein Kind erst einmal in Ruhe anschauen solltest und Dein Bauchgefühl entscheiden lassen solltest, ob Dein Kind wirklich zum Logopäden gehen muss oder ob es sich bei Deinem Kind einfach um einen Spätentwickler handelt. Oftmals ist es nämlich so, dass wir uns häufig bei Kleinkindern verrückt machen lassen.

Wir sollten zu Beginn eine Unterscheidung vornehmen. Und die kannst auch Du als Elternteil schon beobachten: 

Fall A) Hat Dein Kind Probleme einen Laut richtig auszusprechen bzw. eine bestimmte Bewegung mit der Zunge vorzunehmen? Beispiel S-Fehler: Der Laut wird mit der Zunge zwischen den Zähnen gebildet. Das heißt einerseits ist der Laut falsch, da es im Deutschen kein [the] gibt und andererseits macht die Zunge eine falsche Bewegung. Sie schiebt nach vorne, da nicht trainiert wurde, wo sie eigentlich im Mund zu liegen hat.

 
Fall B)  Ist Dein Kind vielleicht ein Spätzünder? Hier spreche ich von kleineren Kindern unter 3,5 Jahren und es betrifft auch mehrsprachige Kinder im Kindergarten. 
  

Welche Rolle spielt die Art der Sprachstörung?

Der Unterschied ist folgender: Bei Fall B) können wir annehmen, dass es sich noch „verwachsen“ könnte, wenn z.B. Dein Kind weniger als üblich oder schwer verständlich spricht. Es kann einfach sein, dass Dein Kind schüchtern ist oder einfach gelernt hat, dass es auch ohne viele Worte weiterkommt. Oder ohne die deutsche Sprache, wenn die Sprachumgebung zuhause eine andere ist. Das ist auch zunächst verwirrend und kann zum sprachlichen Rückzug führen. Aber wenn Dein Kind sein Schneckenhaus erst einmal verlassen hat, geht auf einmal die Post ab und es kommt von alleine wieder „auf Spur“. 

Bei Fall A) allerdings, mag mir kein guter Grund einfallen, warum sich das „verwachsen“ sollte. Dein Kind hat einen falschen Laut gelernt, den es anstelle eines richtigen einsetzt und das ist für ihn/sie total in Ordnung so! Warum also sollte es auf einmal anfangen zu versuchen die Zunge anders zu positionieren, um dann zufällig auf den richtigen Laut zu stoßen? Das ist doch sehr unwahrscheinlich, es sei denn, es gibt jemanden, der ihm/ihr das einmal richtig zeigt. Das hast Du sicherlich auch schon probiert und das ist auch super, denn nur so wird Sprache gelernt! Vorsicht ist auch wieder geboten, dass nicht zu viel und häufig korrigiert wird (5 Gründe, warum korrigieren eher kontraproduktiv ist)

Gehen wir jetzt einmal von einer normal verlaufenden Sprachentwicklung aus und Du hast schon versucht Deinem Kind einmal zu zeigen und vorzusprechen, wie der Laut richtig heißt. (Erster Schritt: Nicht das Wort, sondern nur der Laut!) Aber es mag irgendwie nicht so recht gelingen. Wie und wann soll da jetzt noch eine Änderung eintreten? Viel wahrscheinlicher ist doch, dass sich das falsche Bewegungsmuster einschleift und sich Dein Kind daran gewöhnt, dass es sich halt anders anhört als bei den anderen. Ist halt so! Kann man nix machen, oder?

 

Falsch! Nicht abwarten, dranbleiben ist die Devise...

Hier ist mein Rat wirklich nicht mehr jahrelang abzuwarten, sondern tatsächlich proaktiv vorzugehen. Um einer weiteren Automatisierung vorzubeugen, sollten wir das korrigieren. Es ist vielleicht schwierig zu verstehen, da wir zumeist gar nicht weiter über unsere Zunge nachdenken. Du würdest Dich wundern, wieviele Muskeln da zusammen arbeiten müssen! Wenn jemand sich ständig duckt und den Kopf einzieht, dann wundern wir uns nicht weiter, warum er irgendwann diese körperliche Grundhaltung hat. Das Gleiche gilt für die Zunge! Machen wir ständig und tagtäglich etwas mit ihr, dann automatisieren wir das Muster. Und manchmal leider das falsche… Häufig ist es auch so, dass bei älteren Kindern der Übertrag des neuen, richtigen Musters in die Spontansprache wahnsinnig schwer fällt, weil sie immer wieder in ihre alten Automatismen zurückfallen.

Alte Wege öffnen keine neuen Türen.

Also: Höre bitte zweimal hin, wenn es um die Frage geht „Verwächst sich das?“ Die zweite Stimme ist in Dir. Ist das wirklich etwas, dass sich „zurechtruckeln“ kann? Wenn ja, wie? Auch bei anderen Auffälligkeiten ist natürlich Aufmerksamkeit dafür gefragt. Wenn Dein Kind sehr unverständlich spricht zum Beispiel und die Sprache viele Vertauschungen enthält. Frage Dich, was Deinem Kind dabei helfen könnte und ihr zuhause machen könntet. Und vielleicht, um Dir wieder etwas mehr Leichtigkeit und Mut mit auf den Weg zu geben: Wenn Du Dir unsicher bist, informiere Dich, frage dritte Personen ( mich z.B. 😉 und schaue spätestens nach 8-12 Monaten, dass wir Deinem Kind das jeweilige Thema „ordentlich“ beibringen. Dann hast Du immer noch alles richtig gemacht. 

Bis Bald,

Catharina

Viele kleine Tipps und Tricks für Zuhause kannst Du jetzt schon hier bei mir finden. 

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