Geht nicht, gibt’s nicht – wie Du mit niederschmetternden Diagnosen umgehen kannst

Geht nicht, gibt’s nicht – wie Du mit niederschmetternden Diagnosen umgehen kannst

Ich habe gerade ein interessantes Gespräch mit meiner Freundin geführt. Dabei ging es um ihren zweijährigen süßen Sohn und auch um die U-Untersuchungen. Dieses Thema stößt mir immer wieder auf und deshalb thematisiere ich es jetzt in diesem Artikel: Mediziner lieben Tests und Diagnosen! Die Logopädie gehört ja auch dazu.

Aber was macht das mit Dir als Elternteil?

Immer wieder erlebe ich Eltern, die gerade aus einer U-Untersuchung stolpern oder aus einer Testung beim Frühförderzentrum. Herausgekommen ist, dass Dein Kind leider nicht der „Norm“ entspricht. Es passt leider nicht in die Kästchen. Eigentlich müsste es doch schon den Kopf heben können – „ohje, da müssen wir wohl schnell handeln…“ Sicherlich kann es nicht schaden so früh wie möglich zu helfen und begünstigend einzugreifen. Deshalb bist Du ja auch hier!

Großes Aber:

Ich bin kein Fan davon die verschiedenen Entwicklungsstände über zu dramatisieren und Dich mit der Diagnose “Dein Kind ist fehlerhaft” alleine zu lassen. Das finde ich nicht verantwortungsvoll und auch nicht fair.

Das Gedankenkarussel bei Dir geht sofort los: Was für Konsequenzen hat das? Wird es Probleme in der Schule geben? Wird mein Kind womöglich auf eine Sprachförderschule müssen? Ist es vielleicht „zurückgeblieben“?

Ich als Logopädin müsste mich eigentlich freuen, mir die Hände reiben und sagen: „10 Therapien bitte, Herr Doktor!“ Leider bin ich auch davon kein Fan. Das Einzige, wobei mir Diagnostiken helfen, ist, um einzuschätzen wo ein Ansatzpunkt für die Therapie ist. Sprich, wo sehe ich einen Lösungsweg? Ansonsten (ich hoffe, ich werde nicht verklagt…) finde ich sie größtenteils überflüssig oder besser gesagt, was daraus gemacht wird…

Warum?

Wir sind in unserer Gesellschaft so auf Leistung geprägt und das bitte jeder Einzelne von uns in das System passt. Und nun haben wir da ein Kind, welches leider nicht in dieses Schema passt. Ist das denn wirklich so schlimm? Erstens bestehen meistens ziemlich große Chancen, dass Dein Kind die geforderten Leistungen eines Tages erbringen wird. Die Entwicklung dauert einfach etwas länger. Schlimm? Erstmal nicht. Nur für das Schema und die Menschen, für die daran glauben. Ich weiß, Ärzte, Lehrer, Schwiegermütter und Erzieher gehören oft zu dieser Gruppe. Du als Elternteil liebst Dein Kind ja aber trotzdem, oder? Und möchtest das Beste. Natürlich ist es zunächst beängstigend, wenn der Weg abzuweichen scheint, Du solltest dich jedoch nicht sofort von den Hiobsbotschaften stressen oder ängstigen lassen. Damit ist weder Dir noch Deinem Kind geholfen. Der erste Schritt ist also: Ruhe bewahren und beobachten.

An zweiter Stelle möchte ich auf die Kinder eingehen, die tatsächlich erheblich in der Entwicklung hinterher sind und Dich, der das nun auch bereits ahnt oder schon schriftlich bestätigt hat. Ja, als Mutter/Vater ist das unglaublich niederschmetternd. Ich möchte es auch nicht beschönigen oder vereinfachen. Wie schon beschrieben, leben wir in dieser Gesellschaft, in der unsere Wege auf bestimmte Weise vorgegeben sind. 

 

Dein Kind à motorische Entwicklung, verbale Entwicklung à Kindergarten à Grundschule mit 6 oder 7 Jahren à weiterführende Schule à gerne Abitur und Studium à ein gut bezahlter Job 

Und nun scheint es hier einen Bruch zu geben. Aber muss das zum völligen Zusammenbruch führen? Meiner Meinung nach nicht. Gehen wir davon aus, dass Dein Kind sprachlich „nicht hinterhergekommen“ ist. Muss das zwangsläufig heißen, dass Dein Kind mit einem sprachlichen Rückstand oder einer Lese-Rechtschreib-Schwäche nicht in 30 Jahren ein bekannter Autor werden kann? Führe dir das stets vor Augen, auch wenn es gerade vielleicht nicht so einfach ist. Dein Kind hat trotzdem noch alle Chancen der Welt und benötigt lediglich mehr Unterstützung von Dir und anderen. Es heißt nicht, dass aus Deinem Kind nie wieder irgendetwas werden kann. Diese Untersuchungen bedeuten nur, dass die Leistungen in genau der Momentaufnahme unterhalb der Norm liegen. Aber was ist schon normal?

Und auch, wenn wirklich alle anderen nur noch den Kopf schütteln, der Weg auf die Sprachförderschule schon vorgeebnet ist und die „Störung“ sich schon über Jahre hinzieht, auch dann möchte ich darauf hinweisen, dass es sich bei Deinem Kind um ein Individuum handelt und man sich vielleicht einfach von den ständigen Vergleichen mit anderen verabschieden sollte. Was bringt es denn jedes Jahr zu erfahren, dass Dein Kind immer noch hinter den anderen her hängt? Es ist nur wichtig für unser System. Das solltest Du Dir bewusst machen. Wir als Therapeuten werden natürlich alles versuchen, um für Dein Kind so viel rauszuholen, wie möglich ist. Und das machen wir liebend gerne! Aber mir sträubt es sich einfach, wenn immer wieder betont wird, dass es ja immer noch nicht „normal“ ist. Vielleicht sollte stattdessen einmal ein Test darüber gemacht werden, was sich verbessert hat oder was Dein Kind bereits erreicht hat, obwohl evtl. eine längere medizinische Vorgeschichte dahintersteckt?

Übrigens ist dieses ein wichtiger Hinweis: Schaue einmal auf die Geschichte Deines Kindes und sei dabei ehrlich zu Dir und anderen. Schreibe vielleicht alles detailliert auf. Was war wann? War die Geburt vielleicht schwierig? Chronische Erkrankungen in den ersten Lebensjahren? Du siehst, jedes Kind ist unterschiedlich und hat auch in frühen Jahren bereits einen unterschiedlichen Lebensweg hinter sich. Warum sollte dann die Entwicklung überall gleich sein?

Es geht das, was geht. Jeder in seinem ganz persönlichen Rahmen. Manchmal ist etwas gar nicht möglich. Manchmal mit etwas Verspätung. – Und wenn etwas gar nicht möglich sein sollte, dann doch bestimmt etwas anderes.

Meine 5 Schritte

  1. Ruhe bewahren
  2. Nicht persönlich nehmen
  3. Beobachten
  4. Hilfe holen
  5. Lösungsorientiertes Mindset herstellen

Zum Abschluss möchte ich noch sagen, dass es gut, richtig und wichtig ist, dass es in Deutschland so viele Untersuchungen und so viele Hilfsmöglichkeiten und -angebote gibt. Die Ärzte und Therapeuten tun täglich ihr Bestes. 

Und ganz zum Schluss noch etwas, dass ganz wichtig ist: Sie sind in diesen Untersuchungen sozusagen auf „Fehlersuche“. Das ist in diesem Moment ihr Job! Bei jeder U-Untersuchung geht es darum irgendwelche Einschränkungen frühestmöglich festzustellen. Der Arzt/Die Ärztin muss jede kleinste „Abweichung“ dokumentieren. Es ist ihr Job! Es hat also nichts mit Deinen Qualitäten als Mutter oder Vater zu tun, wenn am Ende gesagt wird: „Ihr Kind kann dieses oder jenes noch nicht.“ Denke dann einfach an die fünf Schritte und schau vielleicht auch erst einmal wie Du das empfindest. Das heißt nicht, dass Du in die Vermeidung gehen sollst, damit ist niemandem geholfen. Aber manchmal hast du ja auch instinktiv ein Gespür, ob wirklich etwas nicht stimmt oder ob Du denkst, dass Dein Kind diese Hürde demnächst sicher schaffen wird.

Bis Bald,

Catharina

Du brauchst Hilfe?

Wenn Dich der Artikel inspiriert hat und Du motiviert bist, dass wir das Sprachproblem Deines Kindes gemeinsam angehen, dann melde Dich gerne bei mir und wir vereinbaren ein kostenloses Beratungsgespräch.

Schreibe einen Kommentar